Dieser Bericht ist anlässlicher der Partnertagung 2018 entstanden:

Unter dem Motto „mitleben, mitbeten, mitarbeiten“ entsendet die Diözese Rottenburg-Stuttgart seit 1983  junge Menschen in einen weltkirchlichen Friedensdienst. Die Freiwilligen teilen ein Jahr lang das Leben von Menschen in Ländern Lateinamerikas, Afrikas und Asien. Sie arbeiten in Gemeinden, Sozialprojekten, Schulen oder Gesundheitsstationen und erleben Weltkirche hautnah. Damit die weltkirchlichen Freiwilligendienste in den Gastländern reibungslos ablaufen, benötigt man Menschen vor Ort, die diese Dienste mittragen. Die Mentoren und Mentorinnen, die sich ehrenamtlich um die Freiwilligen kümmern, sind nicht wegzudenken. Sie organisieren schon vor der Ankunft alles Notwendige, wie geeignete Aufgabenfelder oder eine Unterkunft. Die MentorInnen stehen den Freiwilligen das Jahr über zur Seite: sie unterstützen bei Problemen, haben ein offenes Ohr für Sorgen und wache Augen für vermeidbare Fehler, die im Aufeinandertreffen der Kulturen passieren können.

Die Mentorinnen und Mentoren arbeiten jedoch nicht nur eng mit den Freiwilligen, sondern auch mit den zuständigen ReferentInnen hier in Deutschland zusammen. Um diesen Austausch zu verbessern veranstalten der BDKJ und die Hauptabteilung Weltkirche mit finanzieller Unterstützung durch das Bundesprogramm Weltwärts und somit vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) Partnertagungen für die Mentorinnen und Mentoren. Die Partner aus Lateinamerika haben Deutschland schon in den letzten Jahren besucht, dieses Jahr lag der Fokus auf den Partnern aus Afrika und Asien. Da der alltägliche Kontakt  zwischen Deutschland und den Partnern weltweit zumeist über Telefon oder Emails stattfindet, sind die Partnertagungen eine gute Möglichkeit, sich intensiv auszutauschen. Gemeinsam kann man Verbesserungen  erarbeiten und die weltkirchliche Gemeinschaft stärken. Schwerpunkte der Tagung in diesem Jahr waren der Umgang mit den Freiwilligen und eine neue Kooperationsvereinbarung zwischen dem BDKJ und den einzelnen Partnern. Dabei konnten sich alle Seiten gleich gut einbringen und die Erfahrungen der MentorInnen gaben wichtige Impulse.

Eine dieser MentorInnen ist Sister Harriet Nakirya. Die 51 Jahre alte Schwester, die dem Orden der Little Sisters of St. Francis angehört,  lebt in Uganda. Vor fast 10 Jahren hat sie angefangen, die deutschen Freiwilligen bei ihr vor Ort zu begleiten. Zu diesem Zeitpunkt war sie noch keine Mentorin, sondern kümmerte sich einfach so um die Freiwilligen. Und da sowohl die Freiwilligen als auch Sister Harriet mit dieser Kombination sehr zufrieden waren, schlüpfte sie 2015 in die Rolle als Mentorin. Seit dem begleitet sie nun die dritte deutsche Freiwillige, die aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart zu ihr kommt, als Mentorin. Für die Schwester bedeutet das nicht nur viel Organisation, sondern auch, dass die Freiwillige bei ihr mit im Konvent  lebt.  Dabei sind die Erwartungen an die Freiwilligen sehr klar: „ Sie nehmen an  unserem alltäglichen Leben teil. Das heißt zum Beispiel, sie helfen in der Küche mit und kochen. Das machen alle sehr gut und haben eine große Freude daran.“ Ein alltägliches Leben im Konvent bedeutet aber auch, dass es jeden Tag Frühmessen usw. gibt. Sister Harriet kann gut einschätzen, was sie ihren Freiwilligen zumuten kann: Sie dürfen gerne an der Frühmesse teilnehmen, aber die Schwestern wissen, dass die Freiwilligen es von zuhause nicht unbedingt gewohnt sind, so früh aufzustehen und in die Messe zu gehen.

Die Partnertagung Ende Oktober war für Schwester Harriet die erste Reise nach Europa. Und nicht nur das Ziel, sondern auch das Fortbewegungsmittel war eine Premiere für die Schwester: das erste Mal in einem Flugzeug reisen: „Das war gar nicht so schlecht. Bei dem Flug von Brüssel nach Stuttgart hatte ich eine ganze Sitzreihe für mich und konnte schlafen“, erzählt sie. Die Partnertagung hat Sister Harriet als große Chance wahrgenommen. Zwar sei sie ein „alter Hase“, was die Begleitung von Freieilligen angeht, aber auch sie habe noch neues gelernt. Ein wichtiges Thema für die Begleitung der Freiwilligen sie immer das Thema Emotionen. Davon gibt es viele während des Dienstes: angefangen bei Heimweh bis hin zu Liebeskummer kurz vor der Abreise ist alles vertreten. Durch ein interkulturelles Training konnten alle Beteiligten nochmal einen neuen Blickwinkel erlangen und sich besser in das Gegenüber einfühlen. Dabei wurde auch klar, dass der Umgang mit Emotionen sich kulturell unterscheidet, aber auch Vorurteilen unterliegt: „Ich dachte immer, dass die Deutschen sehr kaltherzig miteinander umgehen würden, “ meint Schwester Harriet. Hier in Deutschland hat sie aber etwas anderes kennengelernt: sie nutzt die Möglichkeit, ihren Aufenthalt nach  der Partnertagung noch etwas zu verlängern und besucht Freunde in ganz Deutschland.  Mit einigen von ihnen war sie auf einem Samstagsmarkt. „Dort wurde so viel geredet und gelacht, dass hätte ich nicht vermutet!“ lacht sie.

Während ihrer weiteren Reise hier in Deutschland beschränkt sich die Schwester allerdings nicht nur auf Besuche und Besichtigungen. Auch wenn das Ulmer Münster großes Staunen hervorgerufen hat. Sie ist auf der Suche nach Verbesserungen und Möglichkeiten Dinge in ihrem Heimatland Uganda zu verändern. Und dabei gibt es kaum ein Thema, das nicht die Aufmerksamkeit der Schwester auf sich lenken würde. Sei  es nachhaltige Forstwirtschaft oder Freilandzucht von Hühnern: Schwester Harriet fragt genau nach. Schließlich will sie ihren Mitschwestern ganz genau erzählen können, wie die Dinge hier in Deutschland laufen. Aber nicht nur das Arbeitsleben, sondern auch das Ordensleben hat sie sich hier angeschaut. Im Kloster Reute hat sie einen Nachmittag verbracht und die alten Gemäuer bewundert. Aber Sister Harriet wäre nicht Sister Harriet, wenn sie nicht auch hier etwas gefunden hätte, was sie brennend interessiert: die Seligsprechung der Guten Beth. Sie tauschte sich intensiv mit den Mitschwestern über die Schritte der Seligsprechung aus, denn ihr Orden möchte die eignen Gründungsmutter Mother Kevin ebenfalls selig sprechen lassen.

Vor kurzem wurde Sister Harriet zur Regionaloberin gewählt. Das hat nicht nur für sie eine Umstellung bedeutet, sondern auch für die Freiwillige vor Ort. „Wo ich bin, ist auch sie!“ schmunzelt Schwester Harriet. Durch ihre Beförderung ist sie umgezogen und hat die Freiwillige ohne zu zögern mitgenommen.

Luisa Bayer, Praktikantin in der Servicestelle 2017

aus der Reihe „10 Jahre Servicestelle“