Ein anderes Gefühl– Ein Einblick in mein WFD in Riberalta

Ich denke der größte Unterscheid zwischen meinem Leben in Riberalta, meiner zweiten kleinen Heimat im tropischen Nordosten Boliviens, und meinem Leben hier in Deutschland ist das Gefühl, die Atmosphäre, die man tagtäglich wahrnimmt. Es ist ein anderes als in Deutschland. Dieses Gefühl war nicht von Anfang an da, sondern kam langsam. Mit dem Entdecken des Ortes und dem Versuch die Verhaltensweisen der dort lebenden Menschen zu verstehen. Oder mit dem Erkunden der neuen Kultur, indem man sich einfach auf Unbekanntes einlässt und versucht erst zu beobachten und darüber nachzudenken, anstatt gleich zu bewerten und zu urteilen.

Schon in La Paz, der zweitgrößten Stadt Boliviens, gefielen mir die bunten Häuser, die manchmal auch zu bunter Kunst wurden. In Riberalta ist fast jedes Haus in einer bunten Farbe gestrichen. Erst als ich vorzeitig nach Deutschland wieder zurückkehrte, fiel mir auf, wie blass und z.T. traurig im Gegensatz zu den riberaltenischen Straßen, die deutschen aussehen.

Vor allem in Riberalta herrscht nie vollkommene Stille. Man wacht morgens von Vogelgezwitscher und dem Krähen eines Hahnes auf. Abends konnte ich am Anfang gar nicht einschlafen, weil draußen die ganzen Insekten ohne Pause gezirpt haben. Damals konnte ich ohne Ohropax gar nicht einschlafen, doch als ich dann wieder in Deutschland war, war es die vollkommene Stille, die mich wachhielt. Mir fehlte auf einmal das tierische Nachtleben vor meinem Fenster.

Nicht nur die Tiere belebten die Nacht, sondern auch die Menschen erweckten vor allem am Wochenende die Straßen mit Leben. Ein großes Spektakel bot sich immer sonntagabends nach dem Gottesdienst, den wir immer in der Kathedrale gefeiert haben. Danach sind viele noch mit ihren Kindern auf dem Hauptplatz, der direkt gegenüber von der Kathedrale ist. Dort haben die Eltern mit ihren Kindern Fotos gemacht, die Kinder haben mit Seifenblasen gespielt oder sind mit LED – Rollschuhen herumgefahren. Zu diesem Zeitpunkt ist auch die riberaltenische Rush-Hour, die eigentlich jeden Abend stattfindet. Der Hauptlatz ist mit einem großen Kreisverkehr umrundet, in dem viele einfach ihre Runden auf dem Moto drehen. Das ist für Außenstehende erstmal komisch und überhaupt nicht logisch, warum die Menschen so zahlreich daran Spaß haben, im Kreis zu fahren. Aber irgendwie ist es auch lustig, wenn man dort auf dem Moto sitzt und ein zwei Runden mitfährt.

Auch wenn man unter der Woche abends durch die Straßen lief, war viel los, man hörte zwar manchmal wildes Gehupe aber auch leidenschaftliche Musik oder Karaokegesang aus den Häusern.

Doch man kann nicht leugnen, dass nicht das vollkommene Paradies herrscht. Denn dass Bolivien das ärmste Land Südamerikas ist, war nicht zu übersehen. Besonders am Anfang nahm ich die Armut sehr stark war und konnte gar nicht glauben, dass Deutschland und Bolivien auf demselben Planeten liegen. Besonders in Riberalta, wo die Menschen zwar in einer kleinen Stadt aber doch ländlich leben. Es gibt keine Supermärkte, die meisten Straßen sind nicht geteert, öfters ist mal für ein paar Minuten oder einer Stunde Stromausfall, die meisten Menschen besitzen keine Waschmaschine oder man sieht viele junge Menschen, die schon in ihren jungen Jahren nicht mehr alle Zähne besitzen.

Die Kindertagesstätte für behinderte Kinder, in der ich gearbeitet habe, gibt jede Woche etwas Brot den Kindern für sie und ihre Familien mit. Immer als wir dann mit dem Bus bei einem kleinen Mädchen zuhause ankamen, um sie abzugeben, kam ihr kleiner Bruder mit seiner Schwester aus dem Haus und fragte, ob wir denn heute Brot dabeihätten.

Als ich wieder nach Deutschland kam, merkte ich erst richtig, in welchem Überfluss wir leben und dass wir uns um unser täglich Brot keine Gedanken machen müssen. Aber natürlich war es ein Genuss, endlich wieder in eine warme Brezel zu beißen oder in den Supermarkt zu gehen und alles kaufen zu können, was man sich wünscht.

Mit Riberalta und meinem WFD werde ich immer dieses eine Gefühl verbinden, das diesen Ort und diese Zeit so einzigartig für mich macht. Es ist die Weite des naturbelassenen Regenwalds, die rote Erde, die vielen Bäume und Palmen, den wunderschönen Sonnenuntergang über dem Rio Beni, das Lachen der Kinder in der Kita, die rhythmische Musik, die Leidenschaft der Menschen und das überall herrschende Leben, was von den zirpenden Insekten bis hin zu den im Kreis fahrenden Menschen geht.

2018, Corinna Ballnat