Dass ich während meines WFDs einen Perspektivenwechsel erleben würde, stellte ich schon fest, als ich aus dem Flugzeugfenster den Linksverkehr unter mir beobachtete. Um ein Jahr mit Linksverkehr zu leben, hätte ich jedoch nicht fast 5.000 Kilometer reisen müssen, um ganz neue mir noch völlig fremde Bräuche, Traditionen und Gewohnheiten kennenzulernen schon. Zugegeben auch im nahen Großbritannien gibt es außer dem Linksverkehr auch viele andere Dinge, aber tatsächlich ähnelt einiges dem Deutschen.

So saß ich also im Flugzeug und sagte zu Peter, meinem Mitfreiwilligen „Ich wusste gar nicht dass die Linksverkehr haben.“ Ich wusste ja noch nicht, was sonst noch alles auf mich warten würde.

Ehrlich gesagt habe ich über Uganda, vor meiner Zusage zu meinem WFD, kaum etwas gewusst. (Ein afrikanisches Land, ehemalige englische Kolonie und, ja, was denn noch?) Gerade deshalb fand ich es unglaublich spannend dort meine Zeit als Freiwillige verbringen zu werden.

Am Tag meiner Ankunft wurde ich sehr herzlich von meiner Mentorin und meiner Vorgängerin in Empfang genommen. Wie vielfältig Uganda ist, wurde mir schon auf der Fahrt vom Flughafen zu meinem jetzigen Zuhause klar. Den Viktoriasee zur einen, grün so weit das Auge reicht zur anderen Seite der Straße.

Angekommen im Konvent der Schwestern lernte ich meine vorerst neuen Mitbewohner kennen. Mit Schwestern zu leben, hört sich möglicherweise ein wenig spießig an, ich kann aber ganz klar sagen, dass das nicht der Wahrheit entspricht. Außerdem, mal zugegeben, wann hat man denn sonst einmal die Möglichkeit ein Jahr mit Schwestern zu wohnen ohne selbst eine Nonne zu sein? Die Little Sisters of Saint Francis wurden 1923 von Mother Mary Kevin Kearney, einer Missionarin, gegründet. Sie setzte sich damals ganz bewusst für die Bildung der Frauen und Mädchen in Uganda ein und widmete sich den Leprakranken, die an den äußersten Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Ihrem Vorbild nach unterrichten viele der Schwestern an verschiedenen Schulen, arbeiten im Krankenhaus oder sind gar Direktorinnen, Administratorinnen und Leiter verschiedener sozialer Einrichtungen. Neben all diesen Dingen feiern Schwestern auch wahnsinnig gerne kleine und große Feste (und sie  wissen wirklich, wie man feiert).

Da die Schwestern sehr vernetzt sind, hatte ich als Freiwillige also eine große Auswahl an Möglichkeiten zur „Mitarbeit“. So konnte ich mir aus all den Möglichkeiten, zu denen Kindergarten, Grundschule, weiterführende Schule, Waisenhaus und Krankenhaus gehörten, meinen Wochenplan zusammenstellen, um mich so durch (m)eine Aufgabe in das ugandische Leben einzufinden, neue Kontakte zu knüpfen und vieles Neues zu lernen. Überall wurde mir eine Hand entgegengestreckt, um mich herzlichst willkommen zu heißen.

Auch außerhalb der Arbeit wurde ich mit offenen Armen empfangen, sei es in der Kirche, in der ich mich zu Beginn völlig fremd fühlte, da sie zu Beginn in einer für mich total fremden Sprache war, auf der Straße, von der ich nicht wusste, wohin sie führte, auf dem Markt, auf dem ich anfangs nicht wusste an welcher Ecke die beste Ananas verkauft wird. Überall kam mir jemand zur Hilfe und war mal keiner da, war es an mir jemanden zu finden, der mir helfen konnte und auch das dauerte meist nicht lange.

Wenn ich jetzt an meine Erwartungen an Uganda zurückdenke, kann ich mich ehrlich gesagt an keine mehr erinnern. Jedoch wurde ich definitiv vom Interesse, der Offenheit und Hilfsbereitschaft der Ugander überrumpelt, nicht, weil ich damit nicht gerechnet hätte, sonder viel mehr, weil es mir das Ankommen in diesem fremden Land so sehr erleichterte.

Wobei ich außer dem Verkehr sonst noch meine Perspektive wechseln musste? Die Antwort ist: Bei unglaublich vielem.

Englisch ist zwar die Amtssprache Ugandas, trotzallem haben die verschiedenen Clans ihre eigenen „Stammessprachen“. So bin ich nun offiziell ganz stolzer Lusoga-Schüler. Noch nie davon gehört? Nicht so schlimm! Hatte ich auch nicht vor meinem WFD. Auch wenn es möglicherweise nicht nötig wäre eine andere Sprache zu lernen – ich muss ganz ehrlich zugeben, ich bin nicht das größte Sprachtalent – , ist es eine Art Türen zu öffnen, um die Menschen besser zu verstehen und das nicht nur verbal. Es gibt kaum etwas Schöneres als einen Ugander, der vor Freude strahlt, weil die deutsche Freiwillige, die vor ihm steht, ihn in seiner Sprache grüßt. Da kann man noch so viele Fehler machen und noch so wenig talentiert sein.

Auch das Essen unterscheidet sich vom Deutschen und ist auf alle Fälle eine Erfahrung wert! Mehr dazu verrate ich euch nicht. Wer es nicht selbst probiert, ist selbst schuld.

Einzigartig ist definitiv auch Ugandas landschaftliche Vielfalt. Vom Viktoriasee, über unzählige Inseln, Wasserfälle, Regenwald, bis hin zum dritthöchsten Gebirge Afrikas hat Uganda alles zu bieten. Von wegen in Afrika gibt es nur Wüste!

Ich persönlich bin nun seit mittlerweile drei Monaten in Uganda. Zweimal die Woche unterrichte ich Englisch und Mathe an der Grundschule, einmal die Woche Mathe an der Secondary School und einen Tag verbringe ich im Kindergarten. An den anderen Tagen der Woche unterrichte ich Deutsch und verbringe meine Zeit mit Wäsche waschen (das dauert hier tatsächlich länger als in Deutschland), Lusoga lernen und damit, zu lernen, wie die Ugander kochen.

Ich habe hier mittlerweile ein neues zuhause für mich gefunden. Jeden Tag begegne ich aufs Neue offenen Armen, die mich willkommen heißen und durch die ich mich noch wohler fühle. Aus zu Beginn so fremden Menschen sind Freunde für mich geworden und aus ganz fremden Gewohnheiten Alltag. Auch wenn es noch viele Dinge gibt an die ich mich noch gewöhnen muss, die immer noch ganz fremd sind und bei denen ich mich noch nicht ganz wohlfühle, weiß ich, dass ich noch viel Zeit habe um mich mit diesen Dingen vertraut zu machen und mich an sie zu gewöhnen. Natürlich gibt es auch in Uganda Höhen und Tiefen mit Heimweh und Lust nach deutscher Schokolade, aber auch das übersteht man hier in Uganda und by the way, man ist ja nicht am ganz anderen Ende der Welt.

Annika Wahl