Ein Jahr Freiwilligendienst im Ausland. Ein Jahr in Argentinien. Inzwischen sind schon über 10 Monate vorbei und es ist höchste Zeit für meinen nächsten Rundbrief.

Die Zeit vergeht wie im Flug. Während wir „vor kurzem“ noch im Sommer Santiagos schwitzten und bei 45 Grad Weihnachten feierten, geht es so langsam auf den Winter zu und wir packen unsere Wollpullis aus. Seit Januar ist viel passiert. Es gibt so viel zu tun, dass man gar nicht begreifen kann wie schnell die Tage vergehen.

In meinen Schulen fühle ich mich nach wie vor wohl. In der weiterführenden Schule „Nuestra Señora de Lourdes“ gibt es zwar Tage, an denen ich nicht so recht weiß was ich tun soll, wo ich mit anpacken kann, jedoch fühle ich mich trotzdem sehr wohl. Die Lehrer, Mitarbeiter und Schüler haben mich in ihre Gemeinschaft sehr lieb aufgenommen. Gemeinsam mit einem ehemaligen Praktikanten, der inzwischen als Referendar eine Spanischklasse in Deutschland unterrichtet, versuchte ich einen Briefaustausch zu starten. Ziel war es seine deutschen Schüler mit den gleichaltrigen argentinischen Schülern in Verbindung zu bringen, so dass beide Seiten sich gegenseitig über Kultur und Länder austauschen konnten, bzw. auch ihre Sprachkenntnisse (Spanisch, Englisch) zu testen und zu verbessern. Viele der argentinischen Schüler besitzen keine E-Mail-Adresse. Deshalb ließ ich sie Briefe schreiben mit sonstigen Angaben zu Kontaktmöglichkeiten wie Facebook oder Whatsapp, welche ich dann wiederrum einscannte und an die E-Mails der deutschen Schüler schickte. Leider klappte der Austausch nicht reibungslos, da einige deutschen Schüler kein Facebook besitzen oder ihre Austauschpartner schlichtweg nicht in Facebook fanden.

jasmin schacht

„Brief der argentinischen Schüler“:

 

In meiner anderen Schule, der Sonderschule „Maria Magdalena“ in Clodomira ist auch alles beim alten. Hier begleite ich die Schüler mit durch den Schulalltag. Die „Schüler“ sind gleichalt wie ich und nicht auf meine Hilfe angewiesen, dennoch verbringe ich meine Zeit dort jedes Mal sehr gerne.

Zwei besondere Wochen durfte ich zusammen mit Verena, meiner Mitfreiwilligen in einem Dorf namens Pinto erleben. Hier ein Bericht:

„Das Campo. Kein fließendes Wasser, kein Strom, ein sehr einfaches Leben. Wie auch unsere Vorgänger bekamen wir die Möglichkeit für zwei Wochen eine Schule auf dem Campo, also auf dem Land besuchen zu dürfen. Die eben genannten Vorurteile konnten sich für uns zwar nicht bestätigen, allerdings gibt es sicher auch andere Gegenden in denen das anders aussieht.

Montagmorgen fuhren wir also mit dem Colectivo von Santiago nach Pinto. Die Fahrt dauerte 3,5 Stunden, denn der 5000-Einwohner-Ort liegt am Rand der Provinz Santiago an der Grenze zu Santa Fe.  Die dortige Grundschule „Nuestra Señora del Carmen“ ist somit die am weitesten von Santiago entfernte Schule der SAED. In Pinto wurden wir schon von der Direktorin und Ilda, einer dortigen Lehrerin herzlich empfangen. Ilda nahm uns dann auch mit zu sich nach Hause, bei ihr und ihren zwei Töchtern Alma und Angeles durften wir für zwei Wochen wohnen.

Die folgenden Tage fingen für uns um 7:30 Uhr an. Zusammen mit unserer Gastfamilie liefen wir zu der Primaria, in der wir für zwei Wochen jeden Morgen arbeiteten. Die Schule besteht aus 7 Klassen und einem dazugehörigen Kindergarten mit zwei Gruppen. In der Schule angekommen empfingen uns jeden Tag zahlreiche „Seño, sag etwas auf Deutsch! Seño, was heißt das und das auf Deutsch? Seño, spielen wir heute Nachmittag wieder?“ sowie viele herzliche Umarmungen und Begrüßungsworte. Nach dem Fahnenapell ging es jeden Tag in eine andere Klasse. Immer waren die Kinder und Lehrer sehr interessiert an Deutschland, unserer Kultur, unserer Sprache. Wir hatten viel Spaß dabei den Kindern von Deutschland zu erzählen. Schon bald hörten wir auch zahlreiche „Hallo“-Rufe über den Pausenhof hinweg. Um 12 ging es dann wieder nach Hause, wo wir oft unsere Kochkünste unter Beweis stellen durften, da unsere Gastfamilie sich sehr für die deutsche Kultur (und Küche) interessiert hat. So gab es in den zwei Wochen von Kartoffelsalat, Linsen, Kässpätzle über Dinnete zu Zopf und Apfelkuchen alles! Aber auch wir bekamen einen leckeren Eindruck in die argentinische Küche. Diese kannten wir von unserer deutschen WG in Santiago natürlich noch nicht so gut. Nachmittags hatten wir immer volles Programm. So veranstalteten wir diverse Nachmittagsprogramme für die Schüler. Ob beim 50-Zettel-Spiel, Fußball, bei Staffelspielen oder Armbänderbasteln, es kamen immer sehr viele Schüler. Außerdem durften wir die anderen Schulen und Kindergärten im Ort besichtigen oder verbrachten den Nachmittag daheim mit Alma und Angie beim Malen, Kartenspielen, Seilspringen, Backen oder Hausaufgabenmachen. So waren wir abends meist recht müde und ließen die Abende zusammen mit unserer Gastfamilie und argentinischen Telenovelas ausklingen.

Die Lehrer und Eltern der Schule nahmen uns alle sehr herzlich auf, luden uns zum Matetrinken ein, trafen sich abends mit uns zum Essen und versuchten uns so viel wie möglich erleben zu lassen. So nahm uns unsere Direktorin einen Abend mit in das Centro Cultural von Pinto, wo ein Vortrag über den Krieg auf den Falklandinseln stattfand. Ehemalige Soldaten, die damals meist gerade erst 18 Jahre alt waren, erzählten von ihren Erlebnissen und persönlichen Schicksalen. Es war für uns ein sehr informativer aber auch aufwühlender Abend. Des Weiteren bereiteten wir uns zusammen mit den Schülern auf die Kundgebung zu „# ni una menos“ vor, die am selben Tag abends stattfand. „# ni una menos“ (nicht eine wenger)ist eine inzwischen weltweite Bewegung für die Rechte der Frauen und gegen die Gewalt (insbesondere an Frauen), die ihren Beginn in Argentinien fand nachdem ein weiteres Mädchen entführt und ermordet wurde. Die Schüler malten zu diesem Anlass Plakate oder schrieben Texte, die sie dann abends vorstellten. Zweimal durften wir mit in die Catequesisgruppe der Eltern, also die begleitende Vorbereitung für die Eltern der Kommunionkinder. Hier beantworteten wir viele Fragen zur Kirche in Deutschland, Deutschland im allgemeinen, sangen zusammen Lieder und beteten. Sonntagabend besuchten wir zusammen mit unserer Gastfamilie den Gottesdienst, wo Verena im Chor mitsingen durfte.

Insgesamt erlebten wir zwei wunderschöne Wochen in Pinto. Wir lernten nicht das „Landleben“ kennen, wie es vielleicht die anderen Mädels taten. Dafür lernten wir das argentinische Familienleben, das Leben einer Dorfgemeinde und viele neue Menschen kennen. „