Der Begriff Willkommenskultur bezeichnet erstens eine positive Einstellung von Bürgern, Politikern, Unternehmen, Bildungseinrichtungen, Sportvereinen und anderen Institutionen zu Migranten. Zweitens drückt der Begriff den Wunsch aus, dass Migranten allen Menschen, denen sie begegnen, willkommen sein mögen.

Diese Definition von Willkommenskultur erscheint in google, gefolgt von Artikeln wie „Flüchtlinge in Deutschland: Willkommenskultur, das war einmal“ und „Angela Merkel: so steht sie heute zur Willkommenskultur“. Und während google weitere Zeitungsausschnitte und Internetseiten von Helferkreisen vorschlägt, verbinde ich diesen Begriff mit dem Land, in dem ich einen weltwärts-geförderten Weltkirchlichen Friedensdienst leisten durfte, mit Mexiko.

Nach meinem Abitur 2016 begann im September mein Leben in einer Kleinstadt im Süden Mexikos, in Villa de Zaachila. Dort durfte ich gemäß dem Motto „Mitleben. Mitbeten. Mitarbeiten.“ ein Jahr lang in eine neue Kultur eintauchen. Eine Gastfamilie schenkte mir in der Fremde ein Zuhause und ermutigte mich, Unbekanntes kennenzulernen. So begann ich, ohne den Menschen der Gemeinde anfangs vertraut zu sein, in den Pfarrhof zu gehen und Festen beizuwohnen. Und während ich in Deutschland normalerweise nur als Teil einer Gruppe unterwegs war, spazierte ich mit der Zeit sehr gerne alleine durch die Gegend. Denn auf der Straße begegneten mir freundliche Augen, in der Kirche offene Armen und auf dem Markt interessierte Ohren.

Mir ist bewusst, dass mein Status als weiße Freiwillige das Interesse an mir steigerte, jedoch vermindert diese Tatsache nicht die Liebenswürdigkeit, die mir geschenkt wurde. Ich habe mich noch nie so willkommen gefühlt wie in der Stube einer älteren Frau, die mich zum Essen eingeladen hatte, und sich am Ende für mein Kommen bedankte. Als ich meiner Gastschwester mein Problem beschrieb, dass ich nicht wusste, wo ich mich engagieren könnte, nahm sie mich einfach an die Hand und stellte mich in verschiedenen sozialen Einrichtungen vor. Nachdem ich bei einem Geburtstag begeistert von den traditionellen Tänzen geschwärmt hatte, wurde ich in eine Tanzgruppe eingeladen und aufgenommen. Wenn ich mich anfangs in einer Nebenstraße verlaufen habe, wurde mir Hilfe angeboten, obwohl den Einheimischen der Weg manchmal selber nicht bekannt war.

Diese Offenheit und Fürsorglichkeit angesichts meiner Hilflosigkeit haben mich zutiefst beeindruckt. Gefühlt ist in Deutschland der Ansatz: „Der Einwanderer muss viel über unsere Kultur lernen“, weit verbreitet. Weniger häufig anzutreffen ist jedoch der Gedanke: „Ich könnte ihm ein Stück weit unsere Kultur zeigen.“ Aber genau dieses Denken prägt meiner Meinung nach eine Willkommenskultur. Eine Kultur, die dir im Voraus das Haus anbietet: „mi casa es tu casa“, und sich darüber freut, wenn du Teil dieser Gesellschaft werden möchtest. Eben eine Kultur, die will, dass du kommst. Ich habe erlebt, wie Menschen auf fremde Menschen reagieren können: neugierig, herzlich, hilfsbereit, ohne Dankbarkeit dafür einzufordern. Wenn man jemandem Hilfe und Unterstützung anbietet, macht man das von Herzen und nicht aus Pflichtgefühl.

Ist es nicht schön, an die Hand genommen zu werden oder andersherum, jemanden an die Hand zu nehmen? Dabei geht es aber um alle Menschen, nicht wie aus der google-Beschreibung um nur eine bestimmte Personengruppe. Es geht beispielsweise um einen Austauschschüler, der schüchtern das Klassenzimmer betritt. Viele mögen denken: „Er kann ja sagen, wenn er etwas braucht.“ Wieso nicht: „Ich kann ja mal fragen, ob er was braucht.“ Der Schritt von gleichgültigem Desinteresse hin zu angebotener Fürsorge ist entscheidend. Das „An-die-Hand-Nehmen“: eine vermeintlich kleine Geste, die für den anderen unheimlich groß sein kann. Traut euch, jemanden willkommen zu heißen. Zum Beispiel mit einer simplen Einladung. Mit einem: „Komm doch vorbei, mi casa es tu casa“.

Rebekka Weitz