Hallo liebe Gemeinde!

Ich heiße José Luis und ich komme aus Mexiko.

Seit 6 Jahren habe ich jedes Jahr Deutsche Freiwillige in Mexiko kennen gelernt. Eine Freiwillige hat sogar für ein halbes Jahr in unserer Familie gewohnt. Immer wenn wir deutsche Freiwillige in unserer Gemeinde hatten, waren die Leute sehr dankbar, denn diese tollen Menschen wurden immer zum Segen für unser Leben. Deutschland lebte bei uns. Deutschland und Mexiko teilten ihre Kulturen und hatten Gemeinschaft.

Als ich erfuhr, dass wieder neue mexikanische Freiwillige für ein Jahr in Deutschland gesucht wurden, überlegte ich, ob es nun für mich an der Zeit war selbst nach Deutschland zu gehen. Aber ich hatte auch Angst davor und viele Fragen und Zweifel. Bin ich wirklich bereit? Bin ich dafür geeignet? Kann ich eine neue Sprache lernen? Kann ich meine Familie und Freunde wirklich für ein ganzes Jahr verlassen?

Trotzdem bewarb ich mich für den Freiwilligendienst. Und es sollte klappen: ich wurde ausgewählt, um ein Jahr in Deutschland mit zu leben, mit zu beten und mit zu arbeiten. So warf ich meinen Plan voerst um, mein Studium zu beenden, und entschied mich stattdessen für die weite Reise. Für meine Familie war das eine Überraschung und sie konnten diese Entscheidung nicht verstehen. Warum sollte ich das machen? Warum sollte ich mein Studium für soetwas unterbrechen? Das machte mich traurig, jedoch war ich entschlossen meine Entscheidung durchzuziehen. Es ging mir ein bisschen, wie den Jüngern, denen Jesus gesagt hat, dass sie nichts mitnehmen sollen ausser einem Wanderstab: ich lasse vieles zuhause in Mexiko, um mich auf die neuen Erfahrungen einlassen zu können.

Und so musste ich mich bald schon verabschieden von meiner Familie, meinen Freunden und meinem gewohnten Umfeld. Es kam der Moment, an dem alles vorbereitet war und ich los geflogen bin. Meine Freunde und Gemeinde verabschiedeten mich herzlich und wünschten mir viel Glück. Während ich durch das Fenster sah, wie das Flugzeug mehr und mehr sich von der Erde entfernte, realisierte ich, dass ich nun wirklich auf dem Weg war, eine neue Seite in der Geschichte meines Lebens zu beschreiben. Mit neuen Erfahrungen, einer neuen Kultur und neuen Menschen in meinem Leben.

Am 27 August 2018 landete ich in Stuttgart und lernte in Tübingen meine Mitfreiwilligen aus Argentinien, Bolivien, Brasilien und Peru kennen. Später sind unsere Freunde aus Indien und Uganda dazugekommen. Zusammen haben wir bis heute tolle Erfahrungen gemacht. Wir haben alle viel in unseren Ländern zurück gelassen, um diese Erfahrung zu machen. Und wie die Jünger Jesu wären wir fast 12 junge Menschen gewesen. Leider haben zwei Freiwillige kein Visum bekommen.

Dieses Jahr war besonderes für mich, weil wir die Sprache noch lernen mussten und gemerkt haben, dass Deutsch eine sehr schwere Sprache ist. Ich kann mich noch daran erinnern, wie unsere Lehrerinnen versucht haben uns Tag für Tag zu motivieren. Dazu haben sie sogar in der Küche für uns gesungen und uns dann die Namen der Küchenutensilien beigebracht. Manchmal haben sie auch die Sprachen durcheinander gebracht. Sie haben dann nicht mehr wahrgenommen ob sie Spanisch, Portugiesisch, Englisch oder Deutsch sprachen.

Gundelsheim nennt sich der Ort, der mein zweites Zuhause werden sollte. Eine wundervolle Familie erwartete mich mit offenen Armen und nahm mich wie einen weiteren Sohn bei sich auf. Mit ihnen gemeinsam teilte ich in diesem Jahr die guten und auch die schwierigen Momente. Immer wenn ich nachhause kam begrüßten sie mich mit einer herzlichen Umarmung und fragten mich: wie war dein Tag?

Jesus hat seine Jünger losgeschickt, um die gute Nachricht weiterzugeben. Heute müssen wir nicht mehr die gute Nachricht weitergeben, sondern voneinander lernen, wie wir die gute Nachricht in verschiedenen Ländern leben. Meine Kirchengemeinde hier in Deutschland hat mir die Möglichkeit gegeben, ihnen an Allerheiligen – Dia de los muertos in Mexiko – zu zeigen, wie ich es zuhause feiere. Wir haben gemeinsam gefeiert und dabei im Glauben Gemeinschaft gefunden.

Doch ich muss zugeben, dass die ersten Tage in Deutschland sehr schwierig waren. Ich habe oft an mir gezweifelt, weil ich überhaupt nichts verstanden habe. Ich war sehr motiviert und wollte überall helfen, doch die Sprache war das größte Hindernis.

Ich kann mich gut an meine ersten Tage in der Einsatzstelle erinnern. Ich arbeite in einer Schule für Kinder und Jugendliche mit Behinderung. Als ich dort ankam waren die Dinge noch fremd für mich. Ich dachte, alle wissen, dass ich der neue Freiwillige bin. Doch nur wenige wussten davon. Meine Aufgabe war es zuerst Springer zu sein. Die Leute fragten mich, wer ich sei und warum ich hier sei. Ich zitterte und antwortete einfach auf jede Frage: Hallo ich bin Jose, ich bin aus Mexiko und mache einen Freiwilligendienst.

Ich habe versucht, Beziehungen zu den Menschen in meiner Arbeitsstelle aufzubauen. Ich wollte, dass alle wussten, dass ich meine Arbeit gut mache. Doch es war schwierig, als Freiwilliger meine deutschen Kollegen zu vertreten und mit den Kindern zu kommunizieren. Sie verstanden oft nicht, warum plötzlich eine neue, unbekannte Person bei ihnen war. In manchen Momenten habe ich mich unfähig gefühlt und beobachtete die gute Kommunikation zwischen den Kindern und meinen Kollegen. Das wollte ich auch schaffen. Jede Nacht dachte ich darüber nach, wie ich mich verbessern kann. Ich gab nicht auf.

Mit der Zeit wurden die Dinge besser. Ich fühlte eine Verbindung zwischen dem Himmel und der Erde. In jedem Kind, dass ich kennenlernte, konnte ich Gott erkennen, in ihrem Lachen, dass jeden Tag ihre Gesichter und mein eigenes erhellte.

Mit der Zeit habe ich viel gelernt. Für mich ist Liebe die universale Sprache. Manchmal waren die Tage schwierig, ich verstand nichts, aber ich war nicht allein. Ich hatte Engel neben mir, die Kinder mit Behinderungen. Doch dieses Wort sollte nicht existieren, weil sie fähiger sind zu lieben als vermeintlich normale Menschen. Sie haben mich unterstützt, sie haben mich unterrichtet und sie haben mich geliebt. Von ihnen habe ich so viel gelernt.

Danke, dass ich am Leben bin und mich so lebendig fühle.

Ich habe ein gutes Gefühl, weil es hunderte von Gründen gibt, um dankbar zu sein.

Wenn ich heute die Frage beantworten müsste, ob ich bereit für einen Freiwilligendienst bin, würde ich sagen: ja! Denn man kann alles lernen, wenn man sich auf die fremde Kultur und die Menschen einlässt.

Ich war frei, habe neue Menschen umarmt, viel über mich gelernt und fühle mich gut so wie ich bin.

Ich habe viel gelacht, das Leben intensiver gelebt, meine Arbeit geliebt, bin an viele neue Plätze gereist und habe viel neue Leute kennengelernt, die mir unendlich viel gegeben haben und die ich immer im Herzen tragen werde.

All das wünsche ich auch jedem einzelnen von euch!

 

José Luis Farerra Pena, Juli 2019